Mein Körper.

Du warst immer bei mir, ich immer gegen dich. So lange warst du nicht ich und ich nicht du. So lange waren wir Feinde und nicht ein verbündetes Sein, eine in sich geschlossene Existenz. Ich dachte mein denkendes Ich, das bist nicht du. Dich habe ich immer als das andere gesehene, welches ich so sehr verabscheut habe, denn du in deiner Äusserung hast dich mit meinen Gedanken gebissen, hast in deiner blossen Existenz ein lebendes Paradox versinnbildlicht. Ich wollte dich nicht sein lassen, wollte dich nicht deiner Bedürfnisse äussern lassen, ich wollte mich nie in einer Hierarchie wiederfinden, in der du die Krone und ich die dreckigen Leinen anhattest. Deine Worte waren Worte des Lasters, der Abhängigkeit, des Verrates. Ich wollte dich beherrschen, habe dich mit dieser Herrschaft gegeisselt und habe dich geformt. Dich geformt mit meinem Geist. Mit meinem Willen. Mit meiner Inkonsequenz. Immer mit einem Bild vor Augen – einem Bild, welchem du entsprechen solltest. Ein Bild, in welchem du gar nicht auftauchst, du gar nicht die Geschichte erzählst, sondern davor steht’s und es betrachtest. Wie die Mona Lisa, hinter einem Glaskasten, unangetastet und in einer solch fragilen Sterilität, dass der eigene Atem zur Bedrohung wird. Das jedes kleinste Erschüttern Risse in das Glas furcht und dich zu erschlagen droht. Ein Bild, welches einen anderen Körper darstellt der dich mit weicher Haut und makellosem Betrug verachtet hat. Denn dich und deine Eigenart hatte ich nie gerne. Fand deine Form nie genügend, fand deine Proportionen stets entgegen der Norm.

 

Doch dann sass ich eines Abends in meinem Zimmer, es war dunkel, doch meine Gedanken hellwach und in einem subtilen rot leuchtend. Denn ich habe erkannt. Erkannt, wie ich dich behandelt habe. Als wärst du mein Besitz, mein altruistischer Begleiter, dem die Zunge herausgeschnitten wurde. Der devot all das über sich ergehen hat lassen. Alle platonischen Schwerthiebe, alle giftigen Nennungen, jede hasserfüllte Träne und jeden Schmerz.

 

Und an diesem Abend gab ich dir deine Stimme zurück.

 

Und so wurdest du Teil von mir und ich Teilt von dir. Du hast mir zuerst leise und schüchtern, ungewohnt der neuen Freiheit, ins Ohr geflüstert, was du brauchst. In dem Moment und an diesem Ort. Und ich habe deine Stimme nicht in meinen Überzeugungen, in dem Strudeln meines Konstruktivismus  ertrinken lassen, sondern sie wie ein Floss auf einem wundersamen doch wunderschönen See hin zu meinem Herzen geleitet. Dort angekommen bist du von dem Floss abgestiegen, erst zögerlich, dann mit sanftem Gang geschmeidig starker Schritte und dein Wille war nicht mehr betäubt. Mein Körper, du hast mein Herz erobert.

 

Jetzt ist deine Stimme laut, unsere Beziehung dynamisch, voller Streit und Liebe, so authentisch, dass wir und küssen und in gleicher Zuneigung schlagen.

Danke. Danke, dass du immer bei mir warst und immer in mir sein wirst. Denn du gibst mir eine räumliche Existenz, eine materielle Wichtigkeit, die tatsächlich Platz einnimmt in einer Welt, die durch diese Anwesenheit nährt und zehrt. Mit dir stelle ich mich in den Kontext der tausenden Leben, durch dich erhalten meine Gedanken gleichsam wie ich eine Form. Eine visuelle Erscheinung, welche mich mit anderen verbinden lässt. Du bist der transzendente Eindruck meines immanenten Wesens. Du gibst mir die Hand, die zeichnen und schreiben kann, die streicheln und kratzen kann. Du gibst mir die Beine, die rennen, laufen und stehenbleiben können. Die Grenzen ertasten, erahnen und überschreiten können. Manchmal laufen sie auch rückwärts. Du gibst mir meinen Mund, welcher aufnimmt, liebkost, meinen Gefühlen folgt und in ihrem Bestehen Grund ist. Durch dich kann ich geniessen, mein hedonistisches Ich auskosten. Denn was ist wichtiger als die kleinen Momente, gleich wie Funken, die eine Sekunde, in welcher man die Augen schliesst und wem auch immer dankt, dass man am Leben ist.

Ich forme dich, du formst mich. Ich lasse dich zu, du lässt mich zu. Und das ist gut so. Genauso. Es gibt gute Tage und schlechte Tage. Doch wir bleiben zusammen. Ich bin hier um dich zu pflegen, dich wohlig zu umarmen, du verlangst, benutzt und manchmal auch zerstört zu werden. Denn dafür bist du da. Für ein Leben, welches weich und hart zugleich ist. Danke Körper.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s