1 / narciso rodriguez for her

Oxymoron. Das war der Name des Lokals.

Es lag in einem Viertel einer Stadt, deren Namen nicht von Bedeutung ist für das Schauspiel, welches sich an jenem Montag morgen dort abspielte.

 

Das Viertel war noch vor ein paar Stunden das prunkvollste unter seinen Mitstreitern. Es war nicht besonders schön – den Gebäuden konnte man ihr Alter an den nassen Fassaden und den steilen Dächern ablesen. Die Straßen waren löchrig und Zeugen jahrelangen Gebrauches.

Die Sachen, welche ihr zu Hause in einem der drei kleinen Läden fanden, überzeugten weder von einer atemberaubenden Aktualität noch einer exquisiten Funktionalität in ihrer Handhabung. Demnach fand man in den drei kleinen Läden des Viertels zerbrochene Spiegel, Bücher in unaussprechlichen Sprachen und Socken, welche in einvernehmlicher Freude mit einem Partner einer ganz verschiedenen optischen Art ihr Dasein bewältigten.

Die Wohnungen der dort wurzelnden Häuser waren weder besonders geräumig, noch von einer ausgelesenen Eleganz.

Fenster waren dem Wind weniger Feind, mehr Freund und so zog stets eine kleine Böe über den alten Dielenboden, welcher Geschichten zu erzählen wagten, die nicht mal in den kühnsten Träumen den Raum zur Entfaltung fanden.

Uns so sagten viele, dass das Viertel heruntergekommen war. Kein Prestige zeigen konnte. Es gab in diesem Viertel demnach nur Menschen, welche mit geschlossenen Augen sehen, mit tauben Händen fühlen und kleinen Ohren hören konnten. Besucher gab es kaum. Denn zu Verstehen fordert Zeit. Viel mehr Zeit als nur ein Wochenendausflug, einer kleinen Auszeit, in welcher einem die Abenteuerlust packte und die routinierte Monotonie langweilte. Doch so funktionierte das Viertel nicht. Es war aber keinesfalls ein in sich geschlossener Kreislauf. Die Luft zog die Energie aus den Menschen, welche jährlich ihr teuerstes Gut gaben. Denn wie zu erahnen waren materielle Zustände dem Viertel genauso egal wie die Heizkosten. Man musste sich selbst geben. Seine Person. Sein Wille und unwiderrufliche Hingabe.

 

Und so rochen die Menschen dieser eigenwilligen Welt, dieser zu kleinen Straßen und zu großen Gebäude. Ein sinnlicher, melancholischer, versprechender, tiefer und schwerer Duft. Ein Geruch, der Bedeutung vorhersagte. Gedanken zu verführen vermochte. Menschen anlockte, so wie der sanfte Ruf der Sirenen. Sie zu überzeugen entführte und sie mit dem Viertel verschmelzen ließen. Es war die süßeste Überzeugung.

 

Und eigentlich waren es nicht die Personen, welche sich den Ursprung dieses Duften nennen durften. Es war das Viertel.

 

Und er war jeder Person dieser sonderlichen Realität in der Nase, kitzelte Gedanken, sprühte Funken. Er hat sich ihnen ermächtigt, sich ihnen angenommen.

Das ganze Viertel trachtete nach eben dieser Essenz. Es war sein Lebenselixier, sein Jungbrunnen, welcher Fehler in Charme und Leere und Überschwung verformte.

Doch das tiefe Geheimnis, welches sich an jenem Montag morgen gewaltsam an die Oberfläche gedrängt fühlte, wurde bis dato wie das kostbarste Gut auf diesem Planeten geschützt eingesperrt.

 

Denn eigentlich war es nicht das Viertel, welches diesem Geruch ein Ursprung zu sein vermochte. Der Duft war nicht das Viertel und das Viertel nicht der Duft.

Der Duft war sie.

 

Die Frau, welche Trauer in den Augen und ein Lächeln auf den Lippen trug. Manchmal auch umgekehrt.

 

Und an eben diesem Montag morgen besuchte sie nicht das Lokal, welches von ihrer Anwesenheit zu leuchten begann.

Es blieb aus.

Es war nicht so, dass sie unglaublich verlässlich oder pünktlich wäre. Die Zeit war ein Konzept, welches sich ihrer noch nicht ermächtigt hatte.

Und so kam sie immer etwas zu spät. Doch als der Zeiger die in fett gedruckte zehn streichelte tat sich die schleichende Verzweiflung auf.

Menschen ließen ihren Kaffee erkalten und starrte auf die Tür, welche nur sie zu öffnen vermochte.

Doch sie kam nicht.

Und so erlosch das Viertel.

 

Am Montag Abend berichtete der Nachrichtensprecher von einem Viertel am anderen Ende der Stadt, welches auf äußerst subtile und doch wunderliche Art und Weise zu duften begann.

Menschen verstanden und flogen aus. Folgten dem leisen Duft der Verlockung, der süßen Note der Sinnlichkeit.

Sie folgen aus und trafen sie dort. In diesem Moment fingen sie wieder an zu atmen – zu leben.

 

Und sie lebte unter ihnen bis ein neues Viertel ruft.

 

 

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