Von kurzen Fingernägeln und schwer bekömmlichen Desserts

Ihr Bett steht am Fenster. Einem kleinen, trostlos wirkenden Loch in der Hauswand. Ihr Raum ist ein Zimmer dieses Hauses. Einem großen Haus mit viel Platz für Nichts.

Das alles konsumierende Nichts, welches Gleichgültigkeit zur Vorspeise und Verzweiflung zum Hauptgang serviert. Und für ein paar exquisit ausgewählte Bewohner dieses Vakuums werden die Kosten und Umstände eines kleinen Desserts nicht gescheut. Das Dessert, welcher das durchaus aussergewöhnliche Menü abschmeckt, abrundet, zum erschütternden Höhepunkt geleitet. Das Dessert: Die Sinnlosigkeit.

 

Sie sitzt also in ihrem Zimmer an ihrem Fenster und starrt auf die Raufasertapete ihr gegenüber. Schon oft hat sie mit ihren geschundenen Fingern imaginäre Muster auf die weiße Fläche graviert. Schon oft hat sie mit ihren Fingernägeln an ihr gekratzt, aus Neugierde, aus Erschütterung, aus Hoffnung, aus Enttäuschung.

War das schon alles? Waren die Wände wirklich das Ende? Waren Sie keine Pforten zu Orten an denen ein Sinnsuchender tatsächlich findet, ein Gestaltenwandler sie einem Schatten verschreibt und an denen Tränen süß wie eine frische Mango schmeckten.

Man fragt sie häufig, warum ihre Fingernägel so kurz sind. Sie versteht diese Frage nicht. Lange Nägel bedeuten doch, dass man aufgegeben hat. Man sich abfindet, die Trauer auch noch das letzte kleine Stück der Seele einnimmt und man anfängt, monoton zu atmen, grau zu leben und falsch zu lachen.

 

Sie starrt immer noch. Und obwohl sich eine filigrane Stille über das Haus gelegt hat, dröhnen Stimmen in ihrem Kopf und Stiche in ihrer Brust. Hämmern Fäuste gegen ihre Schläfe und reißen kleine Riesen an ihren Liedern.

Ihr Gesicht ist kühl. Nicht von Wind und Wetter. Nicht von den sporadisch kleinen Böen welche sich durch die unscheinbaren Ritzen und Spalten des Fensters mogeln. Nicht, weil ihr sowieso immer kalt ist.

Es sind die kleinen Flüsse, welche sich aus ihren Augen stehlen und sich andächtig gen Boden bewegen.

An diesem Tag hat ihr Gesicht mehr Salz gesehen als in ihrem Urlaub in Sardinen im Juni.

An diesem Tag haben sich die sonst ruhigen doch beständigen Stimmen in ihrem Kopf angestachelt, sich ein Duell auf Leben und Tod geliefert und jede Einzelne wollte aus diesem Gefecht als absoluter Sieger hervortreten. Keine konstitutionelle Monarchie – eine Diktatur.

 

An diesem Tag sind Scherben zerbrochen und die Teller heil geblieben.

 

Sie möchte aufstehen, kann es aber nicht. Etwas lähmt sie. Hat sie in seine großen, langgliedrigen Klauen genommen und macht die Flucht zunichte, den Ansporn zu der zerbrechlichen Stimme hinter rechts, die immer leiser und leiser wird und die Hauswand so massiv, dass sie Finger brechen kann.

 

Sie schließt die Augen. Und alles was sie sieht, ist

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