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sie betrat den Raum
ein unscheinbares Cafe an einer noch unscheinbareren ecke
es war ein verregneten Sonntag morgen – an das kann er sich noch genau erinnern
er weiß sonst nie, welcher Wochentag es ist
er ist ein Künstler
er muss das nicht wissen
er findet seine Eigenart charmant
alle anderen schätzen dieses Attribut seines künstlerischen Daseins keineswegs
doch diese Geschichte handelt nicht von seinem Umfeld, nicht von sich
er möchte jetzt nicht über sein nicht existentes Zeitgefühl noch über sein verklärtes Weltbild sprechen
er möchte in Erinnerungen schwelgen
möchte ihren Geruch noch einmal seine Nase kitzeln lassen
möchte ihr subtiles, ja fast schon zerbrechliches lachen noch einmal seine Ohren streicheln lassen
sie betrat also den Raum und keiner schaute in die Richtung der Tür, welche sich mir einem leisen klicken schloss
keiner achtet auf die langsamen bedächtigen Schritte, welche sich gefährlich nah an seine Nische herantasten
es war nicht wirklich seine Nische aber er war immer hier und so wurde es zu seiner
an diesem Tag wollte er sich als Autor fühlen und so wurde er zu einem
er trug seinen alten Lammfellpullover
er roch nach alten Mottenkugeln und seinem nassen Keller
er trug auch eine klobige Hornbrille seines Großvaters
die Gläser eben dieser hatte er zuvor herausgeschlagen
denn obwohl er gerne wissen würde, wie das Sterben schmeckt möchte er noch ein paar Momente zu seiner Lebenszeit zählen wollen
doch mit den gläsern seines Großvaters – unmöglich
sein Großvater erblindete genau an seinem dreiundsiebzigsten Geburtstag – er war nur zu stolz es zuzugeben
er schweift ab
und dies tut er nicht um die Bedeutung dieser Begegnung um irgend ein maß zu mindern – nein
er war aber an diesem Tag ein Autor und er besteht nun mal auf Authentizität
die schritte kamen also näher
um nicht aufzufallen hob er in einer scheinbar zufälligen Gestik den Beleg seines Nachbars auf
er ist ihm heruntergefallen
sein blick schweifte jedoch ab, weg von dem Gegenstand welcher verlangte aufgehoben zu werden und hin zu den Schuhen, welche nun endgültig in seine Sphäre eingedrungen sind
die Schuhe sind stehengeblieben
vor ihm
unmittelbar
27 Zentimeter nach seiner Schätzung
scheiß auf Subtilität – mit einem ruck strecke er seien rücken durch nur um in das Gesicht des Eindringlings zu starren
und wenn ein Paradoxon irgendwann ein Gesicht bekommt, dann steht dieses vor ihm
schwarze brauen, so tief und bedrohlich wie dich Nacht und dann wiederum Augen, welche Demut, ja fast schon kindliche liebe in seiner Brust hervorgerufen haben
eine feine Nase, volle Lippen
die Lippen waren rot.
ein rot jedoch, welches sich zu den Mundwinkeln hin verflüchtigte
und sie roch nach Gewürzen
nach Kardamom
nach Zimt
nach Muskat
nach Nelken
und zusammen entflammten sie eine Symphonie, ein wahres Orchester
sie roch nach allem aber nach nichts, was er jemals gerochen hat
und in dem Moment wusste er es
sie war sie
sein Zenit
die Räuberin, welche sein Herz klauen wird, welches er ihr kurz davor geschenkt hat
seine Muse
seine Nana
seine Erleuchtung und zugleich seine Eklipse
denn wenn sie das Cafe an eben diesem regnerischen Sonntag verlässt, nimmt sie ihn mit
ohne das sie es weiß
ohne auch nur einer kleinen Ahnung
und sie steht einfach
warum steht sie
wie gefesselt
und da suchen ihre Augen seine augen
und langsam, ganz andächtig und mit einer solchen Anmut, welche sein Herz noch in jenem Moment singen ließ sagte sie

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