Von fremden Sprachen und Ihr

An dem Abend der Begegnung war es kalt – zu kalt. Er wollte einen Spaziergang machen, doch seine beiden Beine waren zu müde um seinen Körper und Geist zu tragen. Also erklärt er dieses zuvor ziemlich ambitioniert angegangenen Versuch als gescheitert und sucht nach ein wenig Menschlichkeit.

 

Er ist ein sehr introvertierter Mensch. Soziale Gesellschaften und Umfelder sind für ihn mehr ein beengendes Korsett als eine wärmende, auffangende und durchaus liebevolle Umarmung. Er hat es probiert. Wirklich. Doch auch diesen Versuch musste er am zweiten Tag als beendet und beerdigt ansehen. Denn er, eine wahrliche Verkörperung eines Ruhepoles, erleidete an jenem besagten Tag einen Tobsuchtanfall und schmiss das moderne Sprachrohr mit einem graziösen Bogen aus dem Fenstern. Man möge ihn an dieser Stelle jedoch bitte nicht falsch verstehen. Er mag Menschen – er kann schlicht und ergreifend einfach nicht mit ihnen umgehen. Und sie auch nicht mit ihm. Er sei komisch – dabei aber nur missverstanden. Er sei still und schweigsam – dabei redet er doch die ganze Zeit. Nur keiner versteht seine Sprache. Er sei unhöflich – dabei aber nur überhört, überfordert und eingeschüchtert.

Und so beschlossen beide Parteien sich aus sicherer Entfernung zu beobachten und zu genießen. Und dieser Weg stellte sich als überaus befriedigend dar. Keinen Zwang, kein Müssen, keine Verpflichtung und keine Tiefe (diese nun wirklich nicht). Und so auch keinen Raum für Verletzung und dieses unangenehme laute Schweigen, welches es so sehr verabscheute.

Also setzt er sich auch an jenem Abend in ein kleines aber volles Lokal. Er setzt sich, huscht mit seinem Blick schnell über die Menschenmassen, streichelt unbeholfene Wagen, welche seine Berührung nicht mal erahnen können und sucht Augen welche seine Augen suchen. Er findet sie nicht. Er ist sicher. Und somit glücklich, glaubt er jedenfalls. Leider zum Glück.

Er versinkt in fremde Gespräche, findet sich in erkalteten Beziehungen und leuchtender Entzückung wieder, schwimmt zwischen glücklich Unverliebten und unglücklich Verliebten und schweigt. Er ist nirgends doch überall. So wie Luft deren Anwesenheit man niemals vernimmt. Mit gesenkten Blick bestellt er sich einen Gin. Er bekommt ihn eine halbe Stunde später an den Tisch gebracht. Die Servicekraft mit leuchtend roten Wangen und vereinzelt Schweißtropfen auf der noch jungen Stirn nuschelt eine Entschuldigung und stellt den mittlerweile wässrigen und leuchtend warmen Gin auf den Tisch. Er sagt nichts. Rührt sich nicht. Sie geht. Er atmet wieder. Und versinkt auf ein Neues in fremde Realitäten.

Wachholder entbrennt seine Kehle, er fühlt das Blut durch seine Adern schnellen, er fühlt sich lebendig.

 

In manchen Momenten erinnern die Schatten im Spiegel an eine amorphe Erscheinung und nicht an sein Gesicht, seine Gestalt, seine Konturen und Kanten. Doch der Alkohol macht in fassbar, macht ihn ergründbar. Schenkte seinem wandelnden Geist ein Heim. Seinem Sein ein Sein. Er wird wagemutig, anhänglich. Und als eine kleine Hommage an die soeben erworbenen Attribute seiner sonst so verschlossenen Existenz hebt er seinen Kopf, seine Augen.

 

Und da sind sie. Die Augen, welche seine gesucht und seine gefunden haben.

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