vom toten schwarzen Wasser und findenden Augen

Der Kaffee war zu heiß. Schon beim ersten Schluck verbrennt er sich die Zunge und stumpft seine Geschmacksknospen ab, sodass das schwarze in seiner Tasse nach Wasser schmeckt. In eben diesem Moment wird sein morgen, zuvor in einer warmen orange – lila Nuance zu einem grauen sumpf verstümmelt. Denn das bringt der Verdruss von Genuss nun mal so mit sich.

Er ist heikel – im Leben und besonders bei seinem Kaffee.

Er trinkt aus Prinzip keinen Kapselkaffee. Er würde sich nicht als ein ökologisch bewusst lebender Mensch bezeichnen und gegen das charmante Lächeln des George Clooneys hat er prinzipiell auch nichts einzuwenden. Doch erstens mochte er Schildkröten, welche Plastikmüll fälschlicherweise als Nahrung ansehen und an den Spätfolgen dieser Verwechslung langsam und grausam sterben müssen. Und zweitens lebt der Kaffee in den Kapseln schon lange nicht mehr. Das Aroma und die Winde des Landes sind längst verflogen, haben sich verflüchtigt und das Pulver wartet so mehr auf seine Hinrichtung als auf seine Zwecks Verwirklichung.

Sein Kaffee muss von frisch gerösteten Bohnen kommen, er muss ihr Knacken in der Mühle vernehmen können. Er muss den erst subtilen dann fast schon penetranten Duft seine Nase kitzeln lassen. Er muss das entstandenen Pulver anfassen, durch seine Finger gleiten lassen. Den noch gestalthaltigen Zustand des Kaffes auskosten. Dann das Wasser. Es muss fließen. Ohne Abbruch. Kontinuierlich. Aber gemächlich und entschleunigt. Versteht sich natürlich. Es darf langsam das Pulver umhüllen, allmählich ummanteln und schlussendlich das Orchester der Aromen erklingen lassen. Nicht entziehen, nicht Besitz von ihm ergreifen. Es ist wir eine Symbiose, ein glückliches Beisammen, Zusammen und ausgewogenes Geben und Nehmen.

Sonst funktioniert es nicht. Sonst wird der Kaffee zu heiß. Nicht zu genießen.

Er ist ein gewissenhafter Mann. Und doch. Obwohl er diese Zeremonie schon wie ein Ritual zelebriert und dieses seit zehn Jahren jeden Morgen von vorne abspielt und dabei nicht minder genießt wurde heute der Kaffee zu schwarzen Wasser.

Er starrt in seine Tasse um eine Antwort zu finden. Er ist ein pflichtbewusster Mann. Er will die Problemstellung finden, analysieren, entschärfen um sie dann zu eliminieren. Er schilt mit eben dieser Mission im Hinterkopf erneut über den Tassenrand, schüchtern und ehrfürchtig. Denn etwas lauert in dem trüben See vor seinen Augen. Etwas Unheilvolles. Sein Blick gleitet über die glatte Oberfläche. Und da sieht er es. Da sieht er sie. Er schreckt zurück. Die Tasse fällt. Ergießt sich. Beruhigt sich. Ist nun auf seinem braunen Dielenboden direkt unter seinem Küchentisch. Die zuvor kleine Oberfläche in der Tasse ist jetzt expandiert in eine riesige Pfütze und das zuvor kleine schreiende Erkennen weicht einem großen, alles verschlingenden schwarzen Loch.

Sie schauen ihn an. Herausfordernd. Aus der Pfütze. Fokussiert. Unfehlbar meinen sie ihn. Er schaut hinter sich. Sonst keiner im Raum. Sie sind immer noch da. Verheißung und Verzweiflung zugleich. Sie sind Augen. Augen. Sie lassen seine nicht mehr los. Diese Augen gehören zu Noa. Noa, sein schöner hässlicher Untergang.

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